Mikroplastik: Was ist das? Und was kann man da machen?

– Zusammenfassung am Ende des Artikels –

Herzlich willkommen zum monomeer-Schwerpunktthema des Jahres 2017: In den kommenden Monaten wird es bei uns immer mal wieder um Mikroplastik gehen. Singende Kunstfiguren wie Taylor Swift sind damit übrigens nicht gemeint. Als Mikroplastik werden all jene Plastikteilchen bezeichnet, die kleiner als 5 Millimeter sind. Konfetti-Größe ungefähr – oder eben kleiner. So klein teilweise, dass man schon ein Mikroskop zu Hilfe nehmen muss, um noch etwas erkennen zu können. Und das ist schon ein Teil des Problems von Mikroplastik. Aber der Reihe nach. Hier erstmal ein kleiner Crashkurs.

Primäres oder sekundäres Mikroplastik?

Wenn von Mikroplastik die Rede ist, hört man des öfteren von primärem und sekundärem Mikroplastik. Das könnte man jetzt als arg speziell und als Haarspalterei abtun, a.k.a. Apfel oder Birne, egal, ist doch beides Obst? Mit den beiden Begriffen ist man aber schon bei der Frage nach des Pudels Kern: Wo kommt das bitteschön her?

Primäres Mikroplastik bezeichnet all jenes Mikroplastik, das in einer Größe von weniger als 5 Millimeter hergestellt wird. Es hat sich also jemand bewusst überlegt: Lasst uns mal ganz kleines Plastik produzieren. Wer würde denn so etwas tun, fragt Ihr Euch? Nun, zum Beispiel die Kosmetikindustrie: Sie setzt Körper- und Gesichtspeelings oder dekorativer Kosmetik Plastikkügelchen oder flüssiges Mikroplastik zu, um unsere Haut schön glatt zu machen. (Es geht also nicht um die Verpackung, sondern um das, was drin ist!) Aber auch die Plastikpailletten fürs Faschingskostüm oder minikleine Teile etwa für Spielzeug (etwa in Kinder-Überraschungseiern) sind primäres Mikroplastik. Es wird so und in dieser Größe von Herstellern in die Welt gesetzt. Es handelt sich also um beabsichtigtes Mikroplastik.

Ein Gesichtspeeling und das aus 50 Milliliter extrahierte Mikroplastik. Da die Tube 200 Milliliter beinhaltet, muss man die Menge der grünen Kugeln mal vier rechnen.
Ein Gesichtspeeling und das aus 50 Milliliter extrahierte Mikroplastik. Da die Tube 200 Milliliter beinhaltet, muss man die Menge der grünen Kugeln mal vier rechnen. Der verwendete Kunststoff ist in diesem Fall Polyethylen (PE).

Sekundäres Mikroplastik bezeichnet dagegen all jenes Mikroplastik, das kleiner als 5 Millimeter ist, aber das eher unabsichtlich. Wenn Plastik in die Umwelt gelangt und dort zerrieben wird oder durch UV-Einwirkung zerbröselt, wird es nach und nach immer kleiner. Die Plastikflasche im Meer, der Styropordeckel auf der Müllhalde – nach etlichen Jahren und Jahrzehnten mechanischer und chemischer Umwelteinflüsse wird jedes große Plastikteil nach und nach zerfallen. Auch wenn wir in unserem Alltag Plastik benutzen und dadurch natürlich auch ab-nutzen, verursachen wir Mikroplastik – minikleine Plastikteile, die entstehen, wenn wir mit der Gabel in der Teflonpfanne oder in der Tupperdose herumfuhrwerken, der Abrieb unserer Schuhsohlen auf der Straße, oder Fasern, die sich bei der Wäsche aus synthetischer Kleidung lösen – all das ist sekundäres Mikroplastik. Es handelt sich um unbeabsichtigtes Mikroplastik.

Primär oder sekundär: Doof ist beides.

Nach dieser kleinen Einführung in das Mikroplastik-Vokabular kommen wir zum Kern der Sache. Warum ist Mikroplastik ein Problem? Schauen wir uns dazu kurz den Lebenskreislauf des Mikroplastiks an. Nehmen wir etwa Bettina, ein kleines Mikroplastikkügelchen aus dem Gesichtspeeling, und Klaus, eine Polyester-Faser aus einem Outdoor-Fleece.

Beide werden mit dem Abwasser in die Kläranlage gespült. Klaus konnte auch der Filter der Waschmaschine nicht aufhalten, so klein ist er. Beide schaffen es sogar locker durch die Kläranlage, denn selbst hochmodernen Anlagen gelingt es in den meisten Fällen nicht, Mikroplastik in der Größe von Bettina und Klaus herauszufiltern. Beide gelangen mit dem vermeintlich geklärten Wasser also wieder in den Wasserkreislauf, in Bäche, Flüsse, Seen und Meere, sowie auf Felder und Wiesen.

Mikroplastik wurde mittlerweile überall nachgewiesen: in allen untersuchten europäischen Binnengewässern etwa, in den Ozeanen sowieso. Und auf entlegenen Bergketten auch. Man vermutet, dass Mikroplastik auch verweht, also durch Wind überallhin verteilt wird.

Der Weg der kleinen Kunststoff-Kügelchen aus Kosmetika ("microbeads") - vom Bad zur Bahre.
Der Weg der kleinen Kunststoff-Kügelchen aus Kosmetika („microbeads“) – vom Bad ins Meer.

Mikroplastik gelangt in die Nahrungskette

Einmal in einem Gewässer angelangt, wird Mikroplastik automatisch zu Futter für die dortigen Lebewesen: Muscheln, die Wasser ansaugen, um sich zu ernähren, nehmen unweigerlich Mikroplastik auf und scheiden dieses auch nicht mehr aus.

Von den Feldern gelangt Mikroplastik über die Kapillaren in die Pflanzen – es wurde beispielsweise schon in Getreide gefunden.

Größere Lebewesen scheiden Mikroplastik zwar wieder aus (wie auch der Mensch, wenn er Plastik „essen“ würde), doch hier greift Teil 2 des Problems. Denn Mikroplastikpartikel funktionieren wie kleine Gift-Staubsauger. In der Umwelt bereits vorhandene Chemikalien, Gifte und Erreger docken bevorzugt an Mikroplastikteilchen an. Zudem setzt Plastik bei seinem Zerfall die Stoffe frei, die zu seiner Herstellung verwendet wurden: Weichmacher, UV-Schutzmittel, Flammschutzmittel und Farbstoffe etwa. Wo das Mikroplastik auch hinwandert, es nimmt eine kleine Ladung an schädlichen Substanzen mit. Gerne auch in unsere Körper.

Unser Fazit: Mikroplastik ist neben dem Klimawandel das größte Umweltproblem unserer Zeit

Mikroplastik ist überall – und für uns doch so weit weg. Denn wir sehen es nicht. Genau wie der Klimawandel handelt es sich bei Mikroplastik um eine Art fiktives Problem, dessen Existenz und erst recht dessen Folgen unsere Vorstellungskraft übersteigt. Was auch immer wir tun – egal ob wir nun Mikroplastik in die Welt setzen oder es vermeiden –, wir spüren keine unmittelbaren Folgen unseres Handelns.

Die Dimensionen des Problems Mikroplastik sind ähnlich denen des Klimawandels: Selbst wenn wir heute anfangen, unser Verhalten radikal zu ändern, werden uns die Konsequenzen unseres bisherigen Tuns noch jahrzehnte- und jahrhundertelang begleiten. Wir haben nicht erst gestern begonnen, Plastik zu verwenden. Wir tun dies seit mehr als 50 Jahren, und zwar in industriellem Maßstab. Das Plastik ist bereits überall. Und es geht dort nicht mehr weg. Es zerfällt nur immer weiter, aber es verrottet nicht.

Mikroplastik punktet nicht

Was kann jeder von uns tun?

Wenn wir heute unser Verhalten radikal ändern, sind die Ozeane in den nächsten Jahrzehnten dennoch voller Plastik. Und unsere Seen, Flüsse und Bäche.

Doof nur, dass wir unser Verhalten heute nicht ändern. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Heute müssen wir uns noch dies und jenes kaufen. Aber wir können ja trotzdem mal anfangen, oder? Gerne auch heute schon. Es eilt nämlich. Vielleicht wird das Plastik in 50 Jahren dann schon wieder weniger auf der Erde. Dann hätten immerhin unsere Kinder etwas davon.

Die Please-Do-Liste zum Mikroplastik-Vermeiden

  • Plastik nicht in die Gegend werfen, sondern ordentlich entsorgen. Herumfliegendes Plastik bitte aufheben – und, Ihr ahnt es schon, ebenfalls ordentlich entsorgen. Du wohnst in der Nähe eines Gewässers? Vielleicht findet eine Müllsammelaktion am Ufer statt, an der Du Dich beteiligen kannst. Oder Du startest selbst eine.
  • Um Himmels Willen keine Kosmetik mehr kaufen und benutzen, die Mikroplastik enthält. Welche das ist? Das sagen uns die erschreckend lange Negativ-Liste des BUND oder die Codecheck-App. Bio-zertifizierte Kosmetik enthält nach gegenwärtigem Stand schon aus Prinzip kein Mikroplastik.
  • Sonst heißt es ja immer: Plastik bitte noch verwenden, bis es nicht mehr geht. Aber das ist ein Sonderfall: Bitte Kosmetikprodukte mit Mikroplastik nicht mehr aufbrauchen, sondern sofort im Restmüll entsorgen. Jedes Kügelchen Plastik, das jetzt noch in die Umwelt gelangt, ist eines zu viel.
  • Genauso wichtig: Keine Kunstfaserkleidung mehr kaufen. Kunstfasern gelangen über das Waschwasser in die Umwelt und werden nicht von Kläranlagen herausgefiltert. Zu den Kunstfasern gehören etwa Polyester, Polyamid und Elasthan. Stattdessen: Bitte nur noch Kleidung aus Baumwolle oder anderen natürlichen Fasern wie Wolle, Seide (für VeganerInnen: es gibt auch Pflanzenseide), Hanf, Bambus oder sogenannten Regeneratfasern wie Viskose, Modal und Lyocell. Vorsicht vor versteckten Kunstfasern: Oft sind etwa Spitze und Tüll an Unterwäsche aus Kunstfaser. Und bitte auch bei Bio-Kleidung darauf achten, dass möglichst wenig Elasthan enthalten ist.
  • Derzeit entwickeln die Mädels und Jungs von Langbrett den Guppy-Friend, einen Wäschesack, der feinste Kunstfasern aus der Wäsche herausfiltern soll. Bis es soweit ist: Bitte auch keine Kunstfaserkleidung mehr waschen. Klingt irre, aber wie bei der Kosmetik gilt: Jede Faser aus Plastik, die in die Umwelt gelangt, ist ab diesem Zeitpunkt eine zu viel. Die Guppy-Friends sollen bald in den Handel kommen, Kunstfaser-Kleidung also vielleicht einfach für ein paar Monate in die hintere Ecke des Schranks verbannen. Oder entsorgen.
  • Und ganz ehrlich? Schuhe mit Kunststoffsohle können wir, so wie es aussieht, einfach nicht mehr tragen. Auch wenn sie obenrum bio sind. Das, was man abläuft (was man ja immer ganz gut sieht, wenn nach einer Weile die Sohlen etwas schräg und schief werden), landet auf Straßen, Feld- und Waldwegen, am Strand. Alternativen sind Schuhe, die Sohlen aus Naturkautschuk haben. Empfehlenswerte Marken sind hier etwa ekn footwear, Ethletic oder Langbrett (jeweils noch mal das einzelne Modell prüfen, denn es wird auch mit Recyclingplastik gearbeitet).
  • Da gerade das Stichwort „Recycling-Plastik“ fiel: So sehr wir es schätzen, wenn Kunststoff zu Kleidung recycelt wird – das Mikroplastik-Problem wird dadurch nicht gelöst. Sobald Kleidung aus Plastik besteht, werden bei der Wäsche fiese Fasern abgelöst, die ins Wasser gelangen. E basta. Auch Recycling-Plastik ist Plastik. Baumwollfasern wandern natürlich auch ins Wasser, sind aber biologisch abbaubar.

Zusammenfassung

  •  Mit dem Begriff ‚Mikroplastik’ bezeichnet man Plastikpartikel, die kleiner als 5 Millimeter sind. Sie werden entweder in dieser Größe oder kleiner hergestellt (primäres Mikroplastik) oder entstehen durch Abrieb oder Zersetzung (sekundäres Mikroplastik).
  • Mikroplastik gelangt über das Abwasser oder durch unsachgemäße Entsorgung in die Umwelt und von dort in den Wasserkreislauf und in die Nahrungskette.
  • Mikroplastik bindet und transportiert Umweltgifte.
  • Mikroplastik wurde inzwischen weltweit in der Umwelt nachgewiesen.
  • Wir sollten darauf achten, Mikroplastik zu vermeiden, etwa indem wir Kosmetik mit Mikroplastik und Kleidung aus Kunstfasern nicht kaufen und verwenden und Plastikmüll immer gut entsorgen.

Zum Weiterlesen, -gucken und -machen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine Angaben zur Kontaktaufnahme und für Rückfragen dauerhaft gespeichert werden. Hinweis: Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per Mail widerrufen.

Shop  Impressum  Datenschutz  AGB